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Beatmung (Unterbeatmung)

Unterbeatmung ist eine gefährliche Folge der Atembeeinträchtigung, die Leistungsschwäche, Herz- und Hirnschädigungen, erhöhte Infektanfälligkeit und andere schwerwiegende Gesundheitsstörungen verursacht. Unbehandelt kann sie zum Tode führen. Da bei zahlreichen Behinderungen Atemprobleme auftreten können, ist es wichtig, darüber Bescheid zu wissen.

1. Ursache der Unterbeatmung

Häufige Ursachen sind neurologische Ausfälle oder primäre Muskelschwäche, z.B. nach Kinderlähmung, infolge einer Querschnittslähmung, bei Muskelerkrankungen (Muskelatrophie oder Muskeldystrophie, Polymyositis), Multipler Sklerose und Speicherkrankheiten. Aber auch - oft behebbare - mechanische Einschränkungen, wie ein ungeeignetes Korsett oder massive Fettleibigkeit, können die Atmung behindern, ebenso eine Rückgratverkrümmung (Skoliose) bei Glasknochenkrankheit, Neurofibromatose, Polio oder Muskelerkrankungen.

2. Symptome der Unterbeatmung

  • zunehmender Leistungsabfall, „black-out" in Streßsituationen, Konzentrationsstörungen
  • am Tage Müdigkeit, „Einnicken"
  • nachts Schlafstörungen (erschwertes Einschlafen, unruhiger Schlaf, Alpträume)
  • Nervosität, Schwitzen, Zittern
  • Depressionen, Angstgefühle
  • Herzklopfen
  • Kurzatmigkeit, Atemnot bei normalen Tätigkeiten, z.B. beim Sprechen
  • Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
  • wiederholte Infektionen der Atemwege
  • wiederholte Magenschleimhautentzündungen
  • Stimmveränderungen
  • heiße Beinödeme (Schwellungen), die auch morgens noch vorhanden sind
  • Zyanose (Blausucht), z.B. blaue Lippen
  • Schmerzen: im Kopf, im Nacken, am ganzen Körper
  • Schwindelanfälle, Ohnmachten

    Viele Symptome verstärken sich im Laufe des Tages. In der Regel treten sie nicht alle zugleich auf. Daher sollte man auch schon an Unterbeatmung denken, wenn nur einzelne dieser Symptome beobachtet werden. Das Unterbeatmungssyndrom tritt meist nicht schlagartig in voller Ausprägung auf, es entwickelt sich vielmehr langsam - beispielsweise bei Poliobehinderten oft erst Jahrzehnte nach der ursprünglichen Erkrankung oder bei Muskelkranken im Jugend- oder Erwachsenenalter. Dadurch gewöhnt sich der Betroffene daran und bemerkt oft nicht, daß sich sein Gesundheitszustand immer mehr verschlechtert. Bleibt die Behandlung der Atemschwäche aus, so ist der geschwächte und vorgeschädigte Organismus Infektionen kaum mehr gewachsen. Diese können dann zum Tode führen.

    3. Diagnose der Unterbeatmung

    Wenn ein Behinderter vermutet, daß er unterbeatmet ist, so sollte er diese Vermutung seinem Arzt mitteilen. Folgende Untersuchungen sind dann notwendig:

    a) Bestimmung der Blutgaswerte
      Der Gehalt an Sauerstoff und Kohlendioxyd sowie der Säuregrad des Blutes werden bestimmt. Da die Atmung nachts schwächer ist als am Tag, sollten auch nächtliche Blutgasbestimmungen durchgeführt werden.

      Zur Bestimmung des Blutsauerstoffs ist arterielles Blut oder Kapillarblut notwendig.

      Referenz- / Normalwerte

      Sauerstoffsättigung SpO2 92-98 %
      Blutsauerstoff pO2 65-100 mmHg
      Blutkohlendioxid pCO2 35-45 mmHg
      Basenüberschuss (BE) -2 bis +2 mmol/l
      Bicarbonat 22-26 mmol/l

    b) Lungenfunktionsprüfungen (Spirometrie)
      Hier spielt vor allem die Vitalkapazität als Maß für die Ausdehnungsfähigkeit von Lunge und Brustkorb eine Rolle. Sie entspricht dem Volumen, das nach maximaler Einatmung maximal ausgeatmet werden kann.
    c) Röntgenaufnahmen
      Meist sind Röntgenuntersuchungen von Herz, Lunge (evtl. mit Durchleuchtung der Beurteilung der Zwerchfellbeweglichkeit) und Wirbelsäule notwendig.
    d) EKG
      Das Elektrokardiogramm zeigt, ob durch die Atemschwäche das Herz geschädigt worden ist.
    4. Wann ist eine Atemhilfe nötig ?

    Hierfür gibt es medizinische Richtwerte:

    a) Die Blutgaswerte
      Bei einem Sauerstoffdruck von weniger als 60 mmHg bzw. bei einem Kohlendioxyddruck von mehr als 50 mmHg besteht eine therapiebedürftige Unterbeatmung.
    b) Die Vitalkapazität
      Der Londoner poliospezialist Dr. Spencer gibt folgende Richtlinien an:
    Vitalkapazität ...................... erforderliche Atemhilfe
    ca. 1 Liter ......................... nur kurzzeitig
    400 - 800 ml ........................ nachts
    150 - 400 ml ........................ nachts und stundenweise tags
    unter 150 ml ........................ ständig


    c) Das subjektive Befinden
      Mindestens ebenso wichtig wie die medizinischen Meßwerte ist der subjektive Zustand; auch bei noch „normalen" Werten kann das Befinden stark beeinträchtigt sein, z.B. bei fortgeschrittenem Alter und bei zusätzlichen Erkrankungen und Behinderungen. Dann kann eine Atemhilfe sehr wohltuend wirken.

    5. Therapiemöglichkeiten

    a) Vorbeugende Maßnahmen und Ursachentherapie
      Die Ursachenbehandlung sollte natürlich vornan stehen, z.B. die Gewichtsreduzierung bei Fettleibigkeit oder die Anpassung eines Korsetts oder eine Wirbelsäulenoperation bei Skoliose. Die krankengymnastische Behandlung sollte unbedingt ein Atemtraining beinhalten. Je nach Behinderung wird der Therapeut die Atemmuskulatur trainieren, Hustentechniken einüben oder die Vitalkapazität zu vergrößern suchen. verschiedene Methoden, wie das Atmen mit dem Giebelrohr (nur nach Rücksprache mit dem Arzt !) oder die Ausatmung gegen Widerstand, werden dabei eingesetzt. Vielen Behinderten ist auch das Erlernen der Froschatmung möglich, die über längere Zeiträume von Atemhilfen unabhängig machen kann und eine außerordentlich wirksame Hilfe beim Husten darstellt. Allgemeine Richtlinien bei Atemproblemen sind die Zufuhr von viel frischer Luft, tägliche Bewegung, soweit möglich, und ausreichende Ruhezeiten. Die Ernährung sollte knapp bemessen sein, Um Übergewicht vorzubeugen. Alkohol, schwere und stark gesalzene Speisen beeinträchtigen die Atmung und sollten daher gemieden werden, Kaffee in Maßen erleichtert die Atmung.
    b) Sauerstofftherapie ?
      Häufig wird bei Behinderten mit unzureichender Eigenatmung versucht, mit oder Sauerstoffgaben eine Besserung zu erzielen. Der Erfolg ist aber meist nur mäßig und kurzanhaltend. Der Grund liegt darin, daß bei Muskelschwäche- oder Lähmung sowohl Ein- als auch Ausatmung gestört sind. Es wird also sowohl zuwenig Sauerstoff O2 eingeatmet als auch zuwenig Kohlendioxyd CO2 ausgeatmet. O2 Gaben verbessern zwar den O2 Spiegel, die CO2 Überladung des Blutes bleibt aber unverändert. Die Sauerstofftherapie kann sogar lebensbedrohend werden, wenn sie den letzten zentralen Atemreiz beseitigt. Als Grundtherapie bei Atemlähmung kommt daher nur eine mechanische Atemhilfe in Frage, die die Funktion der ausgefallenen Atemmuskulatur übernimmt und die Lunge ausreichend entfaltet und belüftet, so daß genügend O2 aufgenommen und genügend CO2 abgeatmet werden kann. Es käme ja auch niemand auf die Idee, einen hoch Querschnittsgelähmten mit O2 Gaben am Leben halten zu wollen. Falls - z.B. bei lange bestehender Unterbeatmung oder schwerem Herzfehler - Veränderungen in der Lunge selbst entstehen, können zusätzlich zur Atemhilfe O2 Gaben notwendig sein.
    c) Mechanische Atemhilfen
      Folgende Atemhilfen können eingesetzt werden: Eiserne Lunge bzw. Beatmungsring, Kürass, Beatmungsgürtel. Schaukelbett, Zwerchfellschrittmacher und Überdruckgeräte mit Kanüle oder Mundstück bzw. Maske. Dabei muß der unterschiedliche Wirkungsgrad der einzelnen Geräte berücksichtigt werden. So erreicht der Kürass - je nach Ausführung - nur 45 - 60 % der Wirkung, die mit der Eisernen Lunge erzielt werden kann, der Beatmungsgürtel nur 50 % und das Schaukelbett sogar nur 40 %. Bei schweren Atmungseinschränkungen sind diese drei Geräte daher meist unzureichend, und auch wenn sie jahrelang als Atemhilfe genügten, kann eine Verschlechterung der Behinderung den Wechsel zu Eiserner Lunge oder Überdruckbeatmung erforderlich machen.
    6. Überdruckbeatmung

    Während in Deutschland fast ausschließlich über einen Luftröhrenschnitt (Tracheostoma) mit Hilfe einer Kanüle beatmet wird (in den letzten Jahren hat sich die zweite Variante durchgesetzt), bevorzugen amerikanische Behinderte die Beatmung über Mund und Nase. Die verwendeten Atemgeräte sind so klein, daß sie im Rollstuhl Platz finden, ca. 12 kg schwer und sehr leise. Außer mit Netzantrieb können sie auch mit der Batterie des Elektrorollstuhles oder eines Autos betrieben werden. Meist haben sie noch eine eingebaute Batterie, die bei Unterbrechung der externen Stromzufuhr 30 Minuten oder länger arbeitet. Die Beatmung erfolgt kontrolliert, indem Atemvolumen und Frequenz vorgegeben werden. Bei modernen Geräten ist wahlweise assistierte Beatmung möglich, die die Eigenatmung unterstützt.

    a) Beatmung mit Trachealkanüle
      Vorteile:
    • bei eingeschränkter Hustenmöglichkeit direktes Absaugen von Bronchialsekreten möglich
    • Verhinderung des Verschluckens bei gestörtem Schluckmechanismus
      Nachteile:
    • durch Fremdkörperreiz vermehrte Sekretproduktion
    • gesteigerte Infektionsgefahr
    • Gefahr von Druckgeschwüren an Haut und Schleimhaut
    • Gefahr von Blutungen und sekundärer Verengung der Luftröhre
    • eigene Hustenmöglichkeit stark eingeschränkt
    • bei geblockter Kanüle Sprechprobleme
    b) Beatmung mit Mundstück oder Atemmaske


      Vorteile:
    • mit Mundstück Sprechen und Husten nicht eingeschränkt
    • der Körper bleibt unversehrt (kein „Loch" im Hals)
    • ideal, wenn nur zeitweise Atemhilfe nötig (z.B. nur bei Bronchitis oder nur nachts)
      Nachteile:
    • kein direktes Absaugen möglich
    • zum Teil längeres Training erforderlich
    Das pfeifenartige geformte Mundstück kann mit einer Halterung am Rollstuhl befestigt oder an einem Kragen um den Hals getragen werden. Sprechen Essen und auch Wechsel mit Eigenatmung sind problemlos möglich. Allerdings treten im Schlaf erhebliche Probleme auf: Der Reflex, der in wachen Zustand verhindert, daß die durch den Mund eingeatmete Luft gleich wieder durch die Nase entweicht, fällt im Schlaf aus. Für die nächtliche Beatmung bietet daher die Atemmaske entscheidende Vorteile. Sie bedeckt nur den Mund, oder Mund und Nase und verhindert dadurch, daß Luft in größeren Mengen entweicht. Noch kann die Mund-Nasen-Maske nur von einem Spezialisten angepaßt werden.


    • Ich habe diese Dokumentationen ins Internet gebracht, weil ich selbst betroffen bin. Seit Geburt bin ich an einer spinalen Muskelatrophie erkrankt und hoffe so mehr deutschsprachige Berichte zu diesem Thema zu publizieren. Auch ich beatme mich seit November 1989 selbst und mein Allgemeinbefinden hat sich da durch sehr verbessert. Diese gekürzten Darstellungen soll nur eine knappe Zusammenfassung über Vorteile und Probleme der Beatmung (Unterbeatmung) geben.
    Stand der Dokumentationen: etwa 1992
    gescannt und bearbeitet vom 29.-31. Dezember 1996



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    aktualisiert: Friday, 10-Feb-2006 10:54:55 CET
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